Stolpersteine erinnern an die Opfer unter den jüdischen Frauen im KZ-Außenlagers Falkenbergsweg

Vor dem Falkenbergsweg 62, in unmittelbarer Nähe zum Gedenkstein vor dem ehemaligen Gelände des Außenlagers des KZ Neuengamme auf Höhe des Falkenbergsweg 71, erinnern acht Stolpersteine an die jüdischen Opfer. Sie sind für Anna Dawidowicz, Erika Dawidowicz, Ruth Frischmannova, Zuzana Glaserová, Nina Müllerova, Elisabeth Polach, Alice Weilova und Lili Wertheimer.

Anna Dawidowicz, geborene Satz, war am 9. Juli.1898 in Mistek geboren. Ihre Tochter Erika Dawidowicz war am 5. Juni 1920 zur Welt gekommen. Anna, Erika und ihr Vater Josef Dawidowicz wurden am 1. November 1941 nach Lodz deportiert. Josef starb am 13. Oktober 1942 im Alter von 56 Jahren in Lodz in Folge der unmenschlichen Lebensbedingungen in dem Ghetto. Zwischen dem 2. und 30. August 1944 wurden über 60.000 Juden – darunter auch Anna und Erika Dawidowicz – aus Lodz nach Auschwitz deportiert. Während die meisten von ihnen gleich nach ihrer Ankunft den Weg in die Gaskammern antreten mussten, wurden etwa 2.500 Männer und Frauen bei der „Selektion“ an der Rampe zur Arbeit ausgewählt und zumeist nur wenige Tage später ins Deutsche Reich abtransportiert. Anna und Erika Dawidowicz gehörten dazu und gelangten im August 1944 ins Lagerhaus G im Dessauer Ufer. Im September 1944 erfolgte ihre Verlegung ins Außenlager am Falkenbergsweg. Ihre Arbeitsplätze waren u. a. bei Firmen, die Betonplatten für Fertighäuser anfertigen, in der Falkenberg-Siedlung Versorgungsleitungen eingruben, nach schweren Bombenangriffen erste Aufräumarbeiten durchführten und nach heftigen Schneefällen die Straßen und Fußwege wieder notdürftig freilegten. Anfang 1945 halfen sie auch beim Bau eines Panzergrabens, der den Vormarsch der Alliierten vor den Toren Hamburgs aufhalten sollte. Die nächste Station der leidgeprüften Frauen war das KZ-Außenlager Hamburg-Tiefstack, wo Erika Dawidowicz bei einem alliierten Luftangriff Anfang April 1945 ums Leben kam. Im April 1945 wurde Anna Dawidowicz mit allen anderen aus dem Lager ins KZ Bergen-Belsen verschleppt. Als britische Truppen dieses Lager am 15. April 1945 erreichten und die Leichenberge sahen, erstarrten sie vor Entsetzen. Trotz ihrer verzweifelten Anstrengungen zur Rettung der Überlebenden konnten sie nicht verhindern, dass in den nächsten Wochen noch ca. 13.000 weitere Menschen starben, darunter auch Anna Dawidowicz.

Nina Muellerova war mit ihrer Schwester, Melitta, im Lager am Falkenbergsweg. Melitta überlebte in Bergen-Belsen nach der Befreiung im April 1945. Nina und Melitta waren die Kinder von Margarethe und Karl Muellerova, die einst in Prag lebten und im Juni 1942 nach Theresienstadt deportiert wurden. Später wurden sie ins KZ Auschwitz verschleppt. Karl starb, Margarethe, Nina und Melitta Muellerova wurden nach Hamburg verlegt. Die Mutter der beiden Geschwister überlebte das Außenlager am Dessauer Ufer gerade einmal 14 Tage. Sie starb an den Folgen eines Arbeitsunfalls.

Nina Muellerova war am 23. August 1921 in Prag geboren. Nina und Melitta gingen in Prag in ein deutsches Gymnasium. Im Sommer 1937 belegten beide einen Ferienkurs in England, um ihre englischen Sprachkenntnisse zu verbessern. Nach der Besetzung der Tscheslowakei durch die Nazis wurde Karl Mueller gezwungen, seine Kanzlei an einen “Arier” zu verkaufen und sie mussten ihre Wohnung verlassen. Nina Müller wurde nach ihrem Abitur nicht zum Chemiestudium zugelassen. Mit Glück fand sie noch eine Beschäftigung als Kosmetikerin in einem Salon, bis sie auch dort eines Tages „unerwünscht“ war. Ihre Schwester Melitta wurde im Sommer 1939 vom weiteren Besuch ihrer Schule ausgeschlossen. Anfangs gelang es ihren Eltern noch, Privatstunden für sie zu organisieren, bis auch damit Schluss war. 

Am 2. Juli 1942 wurden sie von Prag nach Theresienstadt ins Ghetto deportiert. Doch Theresienstadt war für die vierköpfige Familie nur eine Zwischenstation. Am 18. Dezember 1943 wurden Karl, Margarethe, Nina und Melitta Mueller ins Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Am stärksten hatte Karl Müllerova unter den unmenschlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen an diesem Ort zu leiden. Am 17. Februar 1944 starb er an einer Lungenentzündung. Im Juli 1944 wurden die drei Frauen nach Hamburg, ins Lagerhaus G am Dessauer Ufer, transportiert. Im September 1944 wurden Nina und Melitta Muellerova ins Außenlager am Falkenbergsweg verlegt, von dort im Februar 1945 ins Außenlager Tiefstack, wo Nina bei einem Bombenangriff schwer verwundet wurde. Im April 1945 erfolgte die Verlagerung in KZ Bergen-Belsen, obwohl sie im Grunde gar nicht transportfähig war. Nina Muellerova starb am 17. April 1945.

Ruth Frischmannová war  am 1. Januar 1928 in Hradec Králové in der Tschechoslowakei geboren. Ruth Frischmannová wurde zusammen mit ihrer Schwester Kamila sowie ihre Mutter Anna im Dezember 1942 nach Theresienstadt deportiert. Ihr Vater Rudolf Fischmann war im Januar 1942 verstorben. Theresienstadt war für Anna, Kamila und Ruth Frischmann nur eine Durchgangsstation zum Vernichtungslager Auschwitz. Im Sommer 1944 wurden sie zum Arbeitseinsatz ins Deutschen Reich abkommandiert, ins KZ-Außenlager „Dessauer Ufer“, im  September 1944 ins Lager im Falkenbergsweg und im Februar 1945 ins Außenlager Tiefstack. Im März 1945 wurde Ruth Frischmann bei einem Bombenangriff schwer verwundet. Kurz danach wurde sie mit ihrer Mutter und ihrer Schwester nach Bergen-Belsen verlegt, wo sie am 3. Mai 1945 ihren Verletzungen erlag.

Zuzana Glaserová war am  27. Juli 1925 in Prag geboren. Im Februar 1942 erhielten Zuzana Glaserová und ihr Vater Viktor Glaser den Befehl, sich für die „Umsiedlung“ nach Theresienstadt zu melden. Am 12. Februar 1942 verließen sie Prag. Ihr Vater Viktor starb am 9. Dezember 1942 in Theresienstadt. Zuzanna Glaserova musste am 18. Dezember 1943 auf einen Transport gehen, der nach Auschwitz-Birkenau führte. Mitte Juli 1944 wurde sie mit andere tschechisen Jüdinnen nach Hamburg verlegt. In Hamburg mussten die Häftlingsfrauen im Rahmen des so genannten Geilenberg-Programms – eines Sofortprogramms zum Wiederaufbau der zerstörten Anlagen der Mineralölindustrie – bei größeren Hamburger Raffinerien wie Rhenania-Ossag (heute: Shell), Ebano-Oehler (Esso), dann Holborn, Julius Schindler oder Jung-Öl Aufräumarbeiten verrichten. Am 13. September 1944 wurde Zuzana Glaserová mit 497 anderen Frauen in das KZ-Außenlager Hamburg-Neugraben am Falkenbergsweg verlegt. Am 8. Februar 1945 wurden alle Neugrabener Häftlinge in das KZ-Außenlager Hamburg-Tiefstack überführt. Zuzana Glaserová war 19, als sie hier bei einem Luftangriff am 20. März 1945 ihr Leben verlor.

Elisabeth Polach, geborene  Adler, war am 28. September 1902 in Brünn geboren. Am 20. November 1942 wurden Hans und Elisabeth Polach mit ihrer 13-jährigen Tochter Dita ins Getto Theresienstadt verschleppt. Am 18. Dezember 1943 erfolgte ihr Abtransport nach Auschwitz. Elisabeth und ihre Tochter Dita gehörten zu den weiblichen Häftlingen, die im Juli 1944 nach Hamburg ins Lagerhaus G im Dessauer Ufer geschickt wurden, nachdem der SS-Arzt Joseph Mengele sie vorher in einer seiner Selektionen für arbeitsfähig befunden hatte. Im September 1944 erfolgte die Verlegung erst in das KZ Außenlager am Falkenbergsweg, im Februar 1945 ins Lager nach Tiefstack und im April 1945 nach Bergen-Belsen.  Liesl Polach war bereits so geschwächt. Sie starb am 29. Juni 1945 im Alter von 42 Jahren.

Alice Weilová, geborene Kaufmanová, war am 6. Juli 1902 in Kostelectnad Orlicí (Adlerkosteletz) geboren. 1925 heiratete Alice Kaufmanová im Alter von 23 Jahren Oskar Weil, den Sohn eines jüdischen Staatsrates im tschechoslowakischen Verkehrsministerium. Am 6. März 1943 mussten Oskar Weil sowie Alice und Eva Weilová ihre Wohnung in Prag verlassen und einen Zug besteigen, der sie zunächst nach Bauschowitz (Bohusovice) brachte, von dort ging es ins Getto Theresienstadt. Am 18. Dezember 1943 wurde sie nach Auschwitz deportiert. Der KZ-Arzt Josef Mengele suchte  2.000 Frauen und 1.000 Männer aus, die außerhalb der Lagers zum Arbeitseinsatz kommen sollten. Zu diesen Häftlingen zählten Oskar Weil, Alice und Eva Weilová..Oskar Weil gelangte im Juli 1944 mit einem Transport in das Nebenlager Schwarzheide in Brandenburg, einer Außenstelle des KZ Sachsenhausen, Alice und Eva Weilová verließen Auschwitz mit einem Transport ins Lagerhaus G am Dessauer Ufer. Als sie im Februar 1945 erneut verlegt wurden, war Alice Weilovás stark geschwächt. Kurz vor der Räumung des KZ-Außenlagers Tiefstack und dem Abtransport nach Bergen-Belsen schloss Alice Weilová für immer die Augen. Eva Weilová wurde zehn Tage später von den britischen Truppen befreit.

Lili Wertheimer, geborene Reich, war am 21.Juni 1901 in Neu Bidschow geboren. Im April 1925 heiratete sie Fritz Wertheimer. Am 6. März 1943 wurde Liil Wertheimer zusammen mit ihrer Tochter Hanka nach Theresienstadt. Miriam Wertheimer, die ältere Schwester von Hanka, konnte im Sommer 1939 mit einem Kindertransport nach Palästina fliehen. Am 18. Mai 1944 wurden Lilli und Hanka Wertheimer nach Ausschwitz deportiert. Lili und Hanka Wertheimer gehörten zu denen, die für noch arbeitsfähig gehalten und in einem Transport mit 1.000 anderen Frauen im Juli in das KZ-Außenlager Dessauer Ufer geführt wurden. Im September 1944 wurde sie in das Frauenaußenlager Neugraben am Falkenbergsweg verlegt. Anfang Februar 1945 wurden sie ins KZ-Außenlager Tiefstack verlegt und im April 1945 im Zuge der Räumung der Hamburger Außenkommandos des KZ Neuengamme in das KZ Bergen-Belsen gebracht. Unter denjenigen, die nach der Befreiung am 15. April 1945 nicht mehr gerettet werden konnten, befand sich auch Lili Wertheimer, die am 16. Mai 1945 für immer die Augen schloss. Ihre Tochter Hanka kehrte im Sommer 1945 in die tschechoslowakische Hauptstadt zurück und wanderte 1949 nach Israel aus.

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