Über das Außenlager des KZ Neuengamme in Eidelstedt

Ein Gedenkstein und eine Erinnerungstafel verweisen heute auf die Existenz eines KZ-Frauenlager, in dem 468 Tschechische und ungarische Jüdinnen vom 27. September 1944 bis Anfang April 1945 inhaftiert waren. Nach Angaben von Hans Ellger kamen die meisten der jüdischen Frauen ursprünglich aus Ungarn.

Die meisten Frauen waren Mitte Juli 1944 aus dem Vernichtungslager Auschwitz nach Hamburg verlegt worden, weil sie dort als noch arbeitsfähig eingeschätzt worden, um im „Geilenberg-Programm“ zur Wiederinbetriebnahme  der Mineralölwirtschaft in Hamburg arbeiten sollten. Dita Kraus schilderte am 4. Mai 2021 in eiern Video-Konferenz, dass sie nach mehreren Tagen Zufahrt direkt vor dem Lagerhaus G am Dessauer Ufer ankamen. Am 14. September 1944 wurde der Einsatz mit den insgesamt 1.500 jüdischen Frauen aus der Tscheslowakei, Ungarn und Polen beendet und sie wurden vom Lagerhaus G am Dessauer Ufer  auf drei Außenlager verteilt: nach Fischbek, Tiefstack, Sasel und Wedel bzw. zwei Wochen später in Eidelstedt.

Aus den Unterlagen über den Einsatz von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter habe ich gesehen, dass hier wenigstens drei Zwangsarbeitslager waren. Zwei wurden im Auftrag der Reichsbahn (Bahnmeisterei Hamburg-Eidelstedt und der Gemeinnützigen Wohnungsbaugenossenschaft f. Reichsbahn-Dienststelle) betrieben und eines im Auftrag der Saar Bauindustrie. Es hat dort vorher ein DAF-Gemeinschaftslager gegeben, in dem auch italienische Zwangsarbeiter lebten. Giuseppe Bestetti war bis bis zum 27. Juli 1944 im Lager am Friedrichsruher Weg untergebracht. 

Das Frauenlager war umzäunt, mit Wachposten und Stacheldraht versehen. Auf dem Gelände befanden sich zwei Baracken mit Schlafräumen sowie eine Baracke mit Waschräumen, Wäscherei, Vorratslager und Latrinen. Des Weiteren umfasste das Barackenlager auch eine Bekleidungskammer, das Krankenrevier und eine Häftlingskantine. Unmittelbar neben dem Außenlager befanden sich die Schlafräume für zwanzig ehemalige Zollbeamten, welche die Wachmannschaft außerhalb des Lagers stellten. Innerhalb des Lagers waren KZ-Aufseherinnen eingesetzt.

In einem Augenzeugenbericht einer jüdischen KZ-Insassen ist auch die Rede davon, das “vorne am Friedrichshulder Weg eine Zementfabrik, wo Platten, Steinbalken und Träger für die Häuser angefertigt wurden … Esther Rosenbaum erzählte, dass sie jeden morgen für zwei Stunden in diese Zementfabrik, wo sie zunächst Kohlen in die Öfen der kleinen Lokomotiven schaufeln musste. Danach schob sie zusammen mit drei anderen Frauen kleine Loren mit Baumaterialien wie Platten, Zement und Werkzeug zu den Arbeitsplätzen. Edith Mayer und Chaja Ofer gehörten zu den sogenannten Kiesfahrerinnen, deren Aufgabe es war, beladene Loren mit Kies und Sand zu den Bauplätzen zu schieben. Auf den Baustellen haben die Jüdinnen unter Anleitung von deutschen Meistern die Häuser vom Fundament bis zum Dach gebaut. “(1)  Das dafür benötigte Baumaterial wurde über den Bahnhof Eidelstedt angeliefert und durch die Häftlinge mit Loren zu den Baustellen gebracht.

Ein kleiner Teil der Frauen wurde zudem bis Kriegsende zur Schneeräumung und Trümmerbeseitigung im Hamburger Stadtgebiet eingesetzt. So wurde sie im Winters 1944/45 auch zum Schneeräumen am Altonaer Bahnhof und dem Hamburger Hauptbahnhof eingesetzt. „Die ganze Nacht über schneite es, und am nächsten Tag wurden meine Gruppe und ich mit der Straßenbahn zum Hamburger Hauptbahnhof gebracht, um die Straßen zu räumen. Die Morgensonne schien auf die Ruinen rings umher, aber der Bahnhof selbst war erstaunlich intakt. Die Uhr zeigte zehn nach acht. Wir arbeiteten schweigend. Zwischen den Spatenstichen blies ich ein bisschen Wärme in meine gefrorenen Finger. Der tiefe Schnee verschluckte die Geräusche um uns her. Wir hörten kaum die wenigen Fahrzeuge, die zu sehen waren.” (1) Einige KZ-Insassinnen  mussten in der Küche, dem Krankenrevier, der Schreibstube oder mussten zu Reinigungsarbeiten in den SS-Unterkünften innerhalb des Lagers arbeiten.

Helena Katz, geboren Brender, wurde während des Einsturz am 1. März 1945 schwer verletzt. “Durch den herrschenden Sturm”, so das Hamburger Fremdenblatt, eine NSDAP-Zeitung,” stürzte stürzte … in der Straße Steindamm die Vorderfront eines Hauses in dem Augenblick auf die Fahrbahn, als ein Sonderzug dies Straßenbahn mit Lagerinsassen in Richtung Hauptbahnhof an diesem Haus vorbei führen.” Während eines späteren Besuchs in der Gedenkstätte Neuengamme 1993 erzählte Helena Katz diesen Unfall und seine Folgen. “Auf einmal hörten wir einen schrecklichen Schrei, und dann habe ich schon nichts mehr gewusst. Da ist ein Mietshaus auf die Straßenbahn zusammengebrochen. Und dann war ich so zwischen Ohnmacht und Bewusstsein, haben mich zwei Mädchen unter die Arme genommen und … zurückgeschleppt ins Lager. Da ich eine Kopfverletztung gehabt, den Kiefer gebrochen, und ich konnte mich nicht bewegen.” Nach der Befreiung erfuhr sie, das zwei Wirbel im Rücken und zwei im Hals gebrochen war. Beim Häusereinsturz auf die Sonderstraßenbahn starben aber auch 14 gefangene Frauen. Helena Brender war am 9. August 1916 in Prag geboren. 1940 wurde sie mit ihrer Familie ins Prager Getto verschleppt. Ende 1943 wurde sie nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Im Juli 1944 bis April 1945 war sie in den Hamburger Außenlagern Veddel, Wedel und Eidelstedt des KZ Neuengamme. Sie wurde im April 1945 in Bergen-Belsen befreit.

“Hedi Fried erinnert sich, dass sie zusammen mit anderen Gefangenen des Lagers Hamburg-Eidelstedt sehr kurzfristig während der Abendstunden in völliger Dunkelheit zum Bahnhof Eidelstedt gebracht wurde. Am Bahnhof wurden die jüdischen Frauen in verriegelte Güterwaggons gesperrt, in denen sie die ganze Nacht auf ihre Abfahrt warten mussten. Keine Frau wusste, wohin sie gebracht werden würden. Die Angst vor einer möglichen Erschießung kurz vor Ende des Krieges war sehr groß. Nach einer schlaflosen Nacht setzte sich der Zug in der Morgendämmerung in Bewegung. Durch die anhaltenden Bombenangriffe wurde der Häftlingstransport während der Fahrt mehrmals gestoppt. Nach den Erinnerungen der Überlebenden dauerte die Fahrt drei Tage und drei Nächte, bevor die jüdischen Frauen des Außenlagers Hamburg-Eidelstedt in Bergen-Belsen ankamen. Da es während des Transportes kaum Wasser oder etwas Essbares für die Frauen gab, kamen sie völlig entkräftet in Bergen-Belsen an. Am 15. April 1945 wurde das Lager Bergen-Belsen von den Engländern befreit. Wie viele Jüdinnen des Lagers Hamburg-Eidelstedt die letzten Kriegstage in Bergen-Belsen überlebt haben, ist nicht bekannt. Vermutlich starben viele Jüdinnen aus dem Lager … dort an völliger Entkräftung und Krankheit, da sich in Bergen-Belsen viele Häftlinge mit Typhus infiziert hatten.”(1) Hédi Fried, geborene Szmuk war am 15.Juni 1924 in Sighet/Rumänien (ab 1940 Ungarn) geboren, ihre Schwester, Livia Fränkel, geborene Szmuk, am 4.Dezember.1928. Die beiden Schwestern kamen als Jüdinnen im April 1944 in das Getto Sighet und wurden am 15.5.1944 nach Auschwitz deportiert. Ab Juli 1944 bis April 1945 waren beide in den Außenlagern Dessauer Ufer, Wedel und Eidelstedt des KZ Neuengamme inhaftiert. Am 15.4.1945 wurden sie in Bergen-Belsen befreit.

Auch das macht mich wieder fassungslos, wer diese Erinnerungen angeschoben hatte: Wie bereits bei den anderen KZ-Außenlagern am Falkenbergsweg in Hamburg Fischbek, in Sasel und Tiefstack waren es in Eidelstedt Schülerinnen und Schüler, die sich dem Thema der Erinnerung und des Gedenkens annahmen. Direkt am ehemaligen Gelände des Außenlagers (heute gegenüber Randowstraße 14) haben Schülerinnen und Schüler der Geschwister-Scholl-Gesamtschule ein Gedenkstein für die KZ-Opfer des Außenlagers Hamburg-Eidelstedt initiiert. Neben diesem Gedenkstein befindet sich eine Bronzetafel mit der Inschrift: Wir gedenken der Mädchen und Frauen, die hier im KZ ‚Eidelstedt‘ unter dem Terror der Nazis litten.

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