Über die sowjetischen Zwangsarbeiterinnen in der Glashüttenstraße 78/79

Am 9. September 2021 wird ANEI verschiedene Orte in Karolinenviertel besuchen, in denen italienische Militärinternierte leben oder arbeiten mussten. So die Schule Laeiszstraße 18, Kampstraße 60, Kampstraße 55 und die Karolinenstraße 29. Einige Zeit wird ANEI auf dem Hinterhof der damaligen Volksschule Kampstraße verweilen. Dabei wird es um die tragische Geschichte der Regenmäntelfabrik Harefa Atlantic Steinburg & Co. gehen. Das Unternehmen hatte seine Produktion in der Bellealliancestraße 58 im Weidenviertel, in unmittelbarer Nähe der U-Bahn Station Christuskirche. Ihm gehörten auch die Häuser in der Glashüttenstraße 78/79.

1938 gingen die Nazis zur systematischen Vertreibung und Vernichtung der jüdischen Menschen über. Sie sollten kein Eigentum mehr besitzen dürfen und wurden gezwungen, es an „Arier“ zu verkaufen. Walter Sittig und Kurt Broschek kauften die Grundstücke in der Glashüttenstraße und Bellealliancestraße. Walter Sittig kaufte noch die Fabrik in der Bellealliance und benannte das Unternehmen in Hafera-Atlantic Regenmäntelfabrik Becker & Co. um.

Sowjetische Zwangsarbeiterinnen in der Bellealliancestraße 58

Walter Sittig produzierte u.a. Mäntel für die SS und SA. Das Unternehmen beschäftigte damals über 300 Menschen, von denen immer mehr als Soldaten an die Kriegsfront abgezogen wurden. Sittig brauchte Ersatzarbeitskräfte und setzte 50 sowjetische Zwangsarbeiter in seiner Fabrik in der Bellealliancestraße 58 seit November 1942 ein. Die sowjetischen Frauen mussten am Ende des Arbeitstages in die Glashüttenstraße 78/79 gehen.

Eine Nachbarin erzählte mir, dass ihre Familie in der Carolinenpassage in der Carolinenstraße 26 wohnte und dass ihre Mutter abends sie die Lieder der sowjetischen Frauen hören konnte. Ihre Mutter hätte ihnen heimlich Lebensmittel gegeben, um deren schwere Lage etwas zu verbessern.

Unter den 50 sowjetischen Frauen waren auch Zwangsarbeiterinnen, die schwanger waren. In den Unterlagen der Ärztekammer befindet sich ein Notiz, dass die Regenmäntelfabrik bei der Gesundheitsverwaltung angerufen und sich erkundigt hätte, wann die Schwangerschaftsabbrüchen für drei sowjetische Frauen, die im 5./6. Schwangerschaftsmonat sein, endlich erfolgen sollten. Margot Löhr schreibt in ihrem Buch, “Die vergessenen Kinder von Zwangsarbeiterinnen in Hamburg”, dass die Abbrüche nicht erfolgt sein. Tajana Gienko, zu dem Zeitpunkt 23 Jahre, brachte am 15. Februar 1945 ein Kind zur Welt, die 19jährige Natalja Warschewa am 5. März 1945 und die 22 jährige Maria Soschenko am 1. März 1945. Aus den Unterlagen der Frauenklinik Finkenau ergibt sich, dass bei Sophie Kurask die Schwangerschaft am 20. November 1944 unterbrochen wurde.

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