Rede Silvia Pascale, ANEI, am 8. September 2021

Guten Tag zusammen.

Es ist wichtig, an diesem Ort in Hamburg einen Moment der Besinnung und des Austausches einzulegen, um der Tausenden von italienischen Militärinternierten zu gedenken, die vom Herbst 1943 bis zum Ende des Krieges zur Zwangsarbeit gezwungen wurden.

Das Thema Zwangs- und Sklavenarbeit im nationalsozialistischen Deutschland ist seit mehr als vierzig Jahren Gegenstand zahlreicher Diskussionen und wertvoller Forschungen, die zum Teil noch länger zurückliegen.

Dennoch ist das Phänomen nach wie vor außerordentlich schwer zu erfassen und zu verallgemeinern, und das Thema ist noch nicht vollständig erforscht worden. Die Hauptgründe sind die enorme Anzahl und die Heterogenität der Sklaven unter Hitler.

Die Dokumente zeigen auch erhebliche Unterschiede in Bezug auf die tägliche Behandlung, die Ernährung und die Überlebenschancen der Gefangenen je nach Arbeitseinsatz: in der Landwirtschaft oder in der Industrie, direkt bei der SS oder der Wehrmacht, in einer staatlichen Einrichtung oder in einem privaten Unternehmen – ob groß oder klein – auf dem Bau, im Bergbau oder am Fließband.

Entbehrungen und Tod waren im nationalsozialistischen System der Zwangsarbeit allgegenwärtig, aber sie waren nicht gleichmäßig verteilt.

In der Propaganda wurden die Italiener außerdem als „Verräter“, „Aas“ und „badoglische Schweine“ bezeichnet.

Auf der Skala der politisch-rassistischen Diskriminierung der Nationalsozialisten standen die Italiener sicherlich ganz unten, und die Lebensbedingungen in den Konzentrationslagern waren von Hunger, Misshandlungen, Krankheiten und Bombardierungen geprägt.

Die italienischen Militärinternierten waren zahllosen und vielfältigen Ungerechtigkeiten ausgesetzt. Aufgrund derer sie am Ende des Zweiten Weltkriegs Anspruch auf Formen der Wiedergutmachung hätten haben müssen, die – wie vom Völkerrecht gefordert – zwischen Deutschland und Italien auf der Grundlage eines Abkommens vereinbart wurden.

Die Teilung Deutschlands hat dies um Jahrzehnte zurückgeworfen.

Heute können wir darüber nachdenken und uns fragen, wer so viel Grauen verursacht hat. Man kann sich als Forscher über die Verantwortung des deutschen Nationalsozialismus und des italienischen Faschismus

auseinandersetzen.

Es muss betont werden, dass die Entscheidung von etwa 650.000 Italienern, jungen Menschen und oft mit wenig Bildung, die erste Form des Widerstands darstellt. Auch Ihnen ist es zu verdanken, dass der Nazifaschismus zusammengebrochen ist.

Die Entscheidung der Internierten war zweifellos schmerzhaft und bewusst: Beim Verbleib im Lager blieb das bittere Bewusstsein, dass eine einfache Unterschrift nicht nur moralisches und physisches Leid, sondern auch das vorhersehbare Risiko des Untergangs hätte vermeiden können. Etwa 50.000 Internierte bezahlten ihre Weigerung mit ihrem Leben, sich nicht dem Nazifaschismus anzuschließen.

Die Pflege der Erinnerung und des Wissens über das Schicksal unserer Internierten hilft uns, auch jetzt die Augen offen zu halten, und ist vor allem eine wichtige Botschaft an die jüngeren Generationen, die sich der Fehler und Schrecken der Vergangenheit und der Errungenschaften des vereinten Europas weniger bewusst sind.

Und das ist die Arbeit, die Orlando Materassi und ich jeden Tag tun, weil wir an den Wert von Erinnerung, Gedenken und Versöhnung glauben, vereint durch eine ähnliche Vergangenheit, die durch das Familientrauma der Deportation geprägt ist. Denn in der Geschichte kann man auch rückwärts gehen.

Die Erinnerung ist wie der Zement, der das gemeinsame „europäische Identitätserbe“ aus Werten und Freiheiten festigt, das uns vor dem Aufkommen neuer Nationalismen schützt. Unsere vornehmste Aufgabe ist es, sie zu bewahren, sie immer wieder neu zu entdecken und sie an künftige Generationen weiterzugeben.


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