Giuseppe Accordini aus San Pietro, IMI beim GHB

In den verschiedenen italienischen Facebook-Gruppen von Angehörigen italienischer Militärinternierten werden immer wieder Informationen über Recherche-Möglichkeiten ausgetauscht. So wird z.B gefragt, ob jemand etwas über seinen Großvater, Großonkel gehört hätte  oder wüsste, wo man noch weiter recherchieren könnte. Meistens sind die üblichen Quellen wir Arolsen, das Bundesarchiv oder italienische Quellen abgefragt. Es werden Meinungen ausgetauscht zur Erinnerungskultur zu den IMIs in Italien, aber auch zu der in Deutschland, wo ihre Väter oder Großväter als Zwangsarbeiter schuften mussten. Menschen erzählen von ihren Verwandten, es werden Bücher vorgestellt oder auf Veranstaltungen hingewiesen. Manchmal liest man unter Schmerzen, was deutsche Archive den Suchenden schreiben. Es sind formale Briefe, ohne Anteilnahme. Es passiert hier vieles in den Facebook-Gruppen zu den IMIsbund es gibt einen regen Austausch. Manchmal liest man die Verzweiflung, ob doch noch etwas in Erfahrung zu bringen. 

Eine Frage war die Suche nach Giuseppe Accordini. Er war in ein Arbeitslager nahe Hamburgs deportiert worden, schreibt sein Sohn schreibt und erzählt, dass „er oft im Hafen als Schiffsentlader gearbeitet habe.” 

Giuseppe Accordini war am 14. November 1916 in San Pietro in Cariano geboren. Von Beruf war er Bauer. Er gehörte zu den hunderttausenden italienischen Soldaten, die nach dem 8. September 1943 von der deutschen Wehrmacht gefangenen genommen wurde. Er stand vor der Alternative, weiter in den Krieg zu ziehen oder Kriegsgefangener. Giuseppe Accordini und viele italienische Soldaten wollten nicht mehr für ein gestürztes Mussolini-Regime kämpfen. Der italienische Diktator war im Juli 1943 festgenommen worden und es gab eine neue Regierung, die mit den Alliierten einen Waffenstillstand vereinbart hatte. 

Die italienische Soldaten wurden als italienische Militärinternierte meistens nach Deutschland verschleppt. Ihnen wurde die Rechte der Genfer Konvention vorenthalten. Von den rund 600.000 überlebten 50.000 nicht. In Deutschland  wurden sie als Verräter beschimpft, war doch Italien bis zum Sturz Mussolini Verbündeter Deutschland Krieg. 

Giuseppe Accordini wurden erst nach Sandbostel, dem Kriegsgefangenen Stammlager XB in der Nähe von Bremervörde in Niedersachsen verschleppt. Sein Name erscheint ein weiteresmal in einem Schreiben des Gesamthafenbetrieb an das Hamburger Arbeitsamt im Herbst 1944. Er musste als  Zwangsarbeiter für den GHB schuften lebte zusammen mit fast 500 IMIs im Lagerhaus G am Dessauer Ufer im Hamburger Hafen. Das Lagerhaus G war von 1938 bis 1942 – wie die beiden anderen Lagerhäuser F und H – ein riesiges Tabaklager des Zigarettenunternehmens Reemtsma. Reemtsma war aber wegen der Bombenangriffe dabei, ihre Lager zu dezentralisierten und den Tabak an Orte überall in Deutschland zu verlagern. Sie hofften, nicht bombardiert werden.

Im Juni 1944 wurde im riesigen Lagerhaus G ein Außenlager des KZ Neuengamme errichtet. Mitte Juli 1944 kamen die KZ-Häftlinge aus dem KZ Auschwitz, 1.500 jüdische Frauen,  zur Zwangsarbeit ins Lager am Dessauer Ufer. Eine der Frauen, die aus Auschwitz nach Hamburg verschleppt wurden, Dita Kraus, erinnerte sich an den Ankunftstag:  „Eine lange Reihe von Lagerhäusern aus roten Backstein, aus deren Fenster Dutzende junger, gesund aussehender dunkelhaariger Männer herausschauten, die neugierig waren, was es mit dem Zug auf sich hatte. Als sie uns shen, grinsten sie winkten und riefen: “Bella signorina!! Ein Gefühl großer Erleichterung erfasst uns.”

Tagsüber war Giuseppe Accordini an verschiedenen Orten eingesetzt bzw. arbeite über den GHB bei verschiedenen Unternehmen im Hamburger Hafen. Sein Sohn erinnert sich: “Ja, mein Vater hat mir erzählt, dass sie ganze Tabakschiffe entladen haben und dann für eine Weile, er habe mit einer Familie in der Nähe von Hamburg gearbeitet, um Kartoffeln zu sammeln” Später erzählt er zu Hause, dass er hier korrekt behandelt wurde. “Tatsächlich garantierten sie eine angemessene Mahlzeit für die Arbeit, die sie verrichteten.”

Als die italienischen Militärinternierten im September 1944 in Deutschland “zivile Zwangsarbeiter” wurden, verbesserte sich ihre Lage. Sie durfen aber nicht zurück nach Hause fahren. Sein Sohn erinnert sich, dass seine Mutter ihm “ immer toskanische Zigarren ins Päckchen nach Deutschland, die er mit dem Soldaten tauschte.” Sein Sohn zieht den richtige Schlußfolgerung: „Das heißt, nicht alle Deutschen waren Nazis.”

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