Rede Lisa Hellriegel, Jonas Jakubowski, Initiave Dessauer Ufer, am 8. September 2021

Wir, die Initiative Dessauer Ufer, freuen uns, dass Sie alle hier sind. Besonders herzlich möchten wir die Angehörigen der ehemaligen italienischen Militärinternierten  und KZ-Gefangenen begrüßen, die heute, am 78. Jahrestag der Verkündung des italienischen Waffenstillstands mit den Alliierten, mit uns hier sind, um ihrer Familienangehörigen zu gedenken.

Hier im Lagerhaus G befand sich ein Außenlager des KZ Neuengamme und ein Lager für italienische Militärinternierte. Die als Jüdinnen verfolgten Frauen, die ab Juli 1944 hier inhaftiert waren, trafen direkt bei ihrer Ankunft auf die Italiener.

Diesen Moment beschreibt die 1929 in Prag geborene Edith Kraus folgendermaßen: „Als die Türen der Güterwagen geöffnet wurden, erwartete uns ein überraschender Anblick: eine lange Reihe von Lagerhäusern aus rotem Backstein, aus deren Fenstern Dutzende junger dunkelhaariger Männer herausschauten, die neugierig waren, was es mit dem Zug auf sich hatte. Als sie uns sahen, winkten sie und riefen ‚Bella signorina!‘ Sie machten uns lautstark Komplimente und Heiratsanträge – auf Italienisch.“

Eine bekannte Geschichte über den Kontakt zwischen den Frauen und den IMI ist die Geschichte des italienischen Militärinternierten Gino Signori und der als Jüdin verfolgten Hana Tomesova: Gino Signori wurde 1941 mit 29 Jahren zur italienischen Armee eingezogen und als Sanitäter ausgebildet. Nach dem 8. September 1943 nahmen deutsche Truppen ihn gefangen. Er wurde in das Kriegsgefangenenlager Sandbostel verschleppt. Von hier kam er in verschiedene Lager in Hamburg u.a. ans Dessauer Ufer.

Hana Tomešová wurde 1922 in Prag geboren. Nach dem Einmarsch deutscher Truppen in die Tschechoslowakei im März 1939 begann sofort die Entrechtung und Verfolgung der jüdischen Bevölkerung. Ende 1941 wurden sie und ein Großteil ihrer Familie in das Ghetto Theresienstadt verschleppt und von dort 1943 nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Sie gehörte zu denen, die die Haft in Auschwitz überlebten, weil sie zur Zwangsarbeit in Deutschland ausgewählt wurde. Mitte Juli 1944 kam sie mit 1.000 anderen Frauen in das KZ-Außenlager Dessauer Ufer. 

Hana und Gino begegneten sich im Hafen. Sie erinnerte sich daran, dass ihre erste Begegnung in einer Raffinerie hier auf dem Kleinen Grasbrook stattfand. Sie hatte sich bei der Arbeit schwer verletzt. Gino Signori als ausgebildeter Sanitäter leistete sofort Erste Hilfe. Seine Unterstützung bedeutete Hana viel und half ihr zu überleben. Zwischen den beiden entstand eine Freundschaft. Auch in den folgenden Monaten unterstützte Gino sie und andere Frauen, die am Dessauer Ufer inhaftiert waren.

Erst im Frühjahr 1945 brach ihr Kontakt ab. Denn die SS löste die Konzentrationslager auf und Hana wurde in das KZ Bergen-Belsen verlegt, wo sie von den Briten befreit wurde. 

Gino kehrte nach Kriegsende zu seiner Familie zurück, die in der Nähe von Florenz lebte. Hana, die fast ihre gesamte Familie verloren hatte, ging in die Tschechoslowakei zurück. Sie fragte italienische Gäste in dem Hotel, in dem sie arbeitete, nach einem Gino Signori aus Florenz und ob sie ihn suchen könnten. Ein italienischer Lastwagenfahrer nahm sich ihrer Bitte an und konnte Gino – was unglaublich erscheint – ausfindig machen. Nach fast 20 Jahren begannen sie sich Briefe zu schreiben und Hana besuchte ihn Anfang der 1960er Jahre in Italien.

1984 schließlich wurde Gino Signori für seine Hilfeleistung von der Gedenkstätte Yad Vashem, als einziger ehemaliger italienischer Militärinternierter, als „Gerechter unter den Völkern“ ausgezeichnet.

Als Initiative und Projektgruppe ist es uns wichtig, von den Biografien ehemaliger Inhaftierter wie Gino Signori und Hana Tomesova zu erzählen, um an sie zu erinnern. Besonders wichtig ist uns überdies der Kontakt zu Überlebenden und Angehörigen. Um die Namen von ehemaligen Militärinternierten beziehungsweise ihren Angehörigen herauszufinden, sind die Hausmeldekarteien im Hamburger Staatsarchiv, über die sich mindestens 2.400 Namen von Italienern am Dessauer Ufer finden lassen, eine wichtige Grundlage. Aufgrund einer Schutzfrist sind diese jedoch nur mit Anträgen zugänglich.

Trotz der Anstrengungen ehrenamtlich arbeitender Initiativen ist der Forschungsstand in Hamburg als sehr lückenhaft zu bezeichnen. Darauf haben wir bereits letztes Jahr am 8. September hingewiesen. Seitdem hat sich die Projektgruppe Italienische Militärinternierte in Hamburg 1943-45 gegründet, die ehrenamtlich forscht und den Kontakt zu Angehörigen aufgenommen hat. 

Dennoch sehen wir Hamburg als Stadt, die vom Einsatz hunderttausender Zwangsarbeiter_innen, Militärinternierter, Kriegsgefangener und KZ-Häftlinge profitiert hat, in der Verantwortung: Es kann nicht angehen, dass so gut wie ausschließlich ehrenamtliche Initiativen unentgeltlich dieses Kapitel der Hamburger NS-Geschichte erforschen.

Eine konkrete Unterstützung durch die Stadt Hamburg könnte aufbereitetes und allgemein zugängliches Archivmaterial sein; selbstverständlich unter Wahrung der Persönlichkeitsrechte ehemals Verfolgter. 

Langfristig muss die Erinnerung an die Militärinternierten und anderen Zwangsarbeiter_innen einen Ort in Hamburg finden. Als Initiative fordern wir hier im Lagerhaus G unkommerzielle Räume sowie einen unabhängigen Gedenk- und Lernort, der das Ausmaß der NS-Zwangsarbeit und ihrer Nutznießer im Hamburger Hafen und darüber hinaus dokumentiert. 

Vielen Dank!

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