Rede Silvia Pascale, ANEI, am 6. September 2021

Guten Morgen an alle, und vielen Dank für die Einladung zu diesem wichtigen Moment des Gedenkens.

Ich bin besonders gerührt, hier auf diesem Friedhof zu sein, auf dem so viele italienische Militärinternierte ruhen, denn mein Großonkel, ANADAGE ZERBINI, starb als Militärinternierter in Happenheim.

In diesem Moment habe ich mich entschieden, zwei Menschen zu gedenken, die mir besonders am Herzen liegen: meinem Großonkel und dem Vater eines engen Freundes, ALBERTO ROSCINI.

Alberto Roscini wird als Militärinternierter deportiert und arbeitet zwei Jahre lang als Häftling in der Kriegsindustrie des Dritten Reiches. Im April 1945 befreite die amerikanische Armee die Stadt Bensberg, aber Albert starb kurz zuvor unter dem Bombardement der Alliierten. Niemand wusste, wo er begraben war.

Seine Frau Lidia suchte jahrelang nach dem Bestattungsort ihres Mannes, aber sie starb 1986, ohne etwas zu erfahren, obwohl sie sich an Organisationen, Institutionen und Verbände gewandt hatte.

Sein Sohn Franco, ein sehr guter Freund von mir, suchte jahrzehntelang vergeblich nach den Überresten seines Vaters. Er setzte die Suche trotzdem fort, und trotz vieler negativer Antworten gelang es ihm schließlich, seinen Vater zu finden: Er ruhte hier auf diesem Friedhof, in einem nicht gekennzeichneten Grab zusammen mit neun anderen Toten.

Dank Luisa Bergamaschi vom italienischen Generalkonsulat in Hannover und den Hamburger Forensikern, die ihm bei der Suche halfen, konnte Franco 2015 das Grab seines Vaters ausfindig machen und seine sterblichen Überreste nach Italien zurückbringen.

Warum die Geschichte des Soldats Roscini, der wie Abermillionen andere den Deutschen zum Opfer fiel? Weil es eine Geschichte voller Leid, aber auch voller Liebe ist, und weil sie mit einem Wunder endet. Sie führt tief in die unbewältigte Vergangenheit Deutschlands und erzählt den Kampf von Franco Roscini, einem Sohn, der die Suche nach seinem Vater Alberto nie aufgegeben hat.

Durch das Tagebuch meiner Großmutter kenne ich den Schmerz und die

Verzweiflung über den Tod eines Sohnes in einem fremden Land, der als Sklave Hitlers in einer Fabrik des Dritten Reiches starb.

Ich kenne den Wunsch einer Mutter, das Grab ihres Sohnes sehen zu können, wenn der Krieg vorbei ist. Ich kenne den Mut einer Mutter, die Italien verlässt, um das Grab ihres Sohnes zu suchen.

Als ich Großmutters Geschichte verfolgte, entdeckte ich jedoch nicht nur den Schmerz, sondern auch den Mut einer Mutter und die Versöhnung mit der Vergangenheit: Kein hasserfülltes Wort kam jemals aus ihrem Mund.

Großmutter Teresa schrieb: „Eigentlich soll ich die Deutschen mehr als alles andere auf der Welt hassen, aber als ich sah, wie das liebe Grab meines Sohnes gepflegt und respektiert wurde, und als ich sah, dass ich so menschlich behandelt wurde, fühlte ich mich all diesen lieben Menschen immer mehr verbunden.

Trotz alledem werde ich nie das Gefühl haben, sie zu hassen, und ich werde immer diesen Satz wiederholen: „Krieg ist Krieg, in allen Völkern gibt es gute und schlechte Menschen, und unter den vielen hatte auch mein geliebter Anadage das traurige Schicksal, an Entbehrungen zu sterben“.

Wer diese Zeilen lesen wird, auch wenn es mich nicht mehr gibt, soll wissen, dass ich in einem Land, das ich in gewisser Weise auch hätte hassen müssen, mehr Zufriedenheit empfunden habe“.

Von diesem Ort des Gedenkens aus sind wir heute hier, um uns mit der Geschichte auseinanderzusetzen. Diese Geschichte darf nicht nur eine Aneinanderreihung von Daten und Fakten sein, sondern muss die Geschichte des Lebens der Menschen erzählen, denn durch ihre Entscheidungen und ihre Zeugnisse können wir verstehen, was geschehen ist. Dokumente allein können keine Gefühle vermitteln: Schmerz, Angst, Wut, Kampf, Hoffnung.

Es war schwierig für mich, zu diesem Treffen zu kommen, das ich als einen Moment der Versöhnung mit meiner Vergangenheit betrachte.

Um über dieses Thema sprechen zu können, musste ich Licht in mich selbst bringen, den Faden der Erinnerung entwirren und ihn heute Ihnen und denen, die mir später zuhören werden, übergeben.

Ich erhalte viele Anfragen von Verwandten, die auch jetzt, im Jahr 2021, nicht wissen, wo das Grab ihres Familienmitglieds ist, und ich kümmere mich um die Suche nach der Grabstätte.

Eine enorme Menge an täglicher Arbeit, die zu purer Emotion wird, wenn es mir gelingt, ihre Fragen zu beantworten und die Lücke von Jahrzehnten zu füllen.

Erinnerung und Wahrheit sind das Fundament von Demokratien.

Es liegt in unserer Verantwortung, eine gemeinsame Erinnerungskultur zu schaffen und unser Wissen an die nächste Generation weiterzugeben – für eine bessere Zukunft in einem geeinten Europa.

Wir müssen wissen, woher wir kommen und wohin wir niemals zurückkehren wollen.


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