Rede Gianni Maria Ruga am 8. September 2022

Ich wünsche Ihnen allen einen guten Abend!

Mein Name ist Gianni Maria Ruga, und ich bin mit meiner Frau Nives in diese schöne Stadt eingeladen worden, um unser persönliches Zeugnis bezüglich eines jungen Mann zu überbringen, dessen beschwerliche und quälende Erfahrung im Jahre 1943, als Militärinternierter bei den Wasserwerken in Hamburg begann. Dieser junge Mann war mein Vater, Marino Ruga, Jahrgang 1920.

Bevor ich beginne, erlaubt mir der Projektgruppe IMI Hamburg und allen, die in dieser Gruppe mit großer Professionalität, Hilfsbereitschaft und Zusammenhalt aktiv sind- herzlich zu danken: Holger Artus, Lisa Hellriegel, Jonas Jakubowski, Stephan Kaiser, Jan Krüger, Susanne Wald und Barbara Ferloni.

Ich habe nicht die Absicht, eine Geschichtsstunde über den Zweiten Weltkrieg zu halten, dafür gibt es weitaus qualifiziertere und vorbereitetere Personen als mich. Vielmehr möchte ich Sie kurz mit den Ereignissen, die mein Vater erlebt hat, insbesondere den Jahren seiner Gefangenschaft vertraut machen.

Wie zuvor erwähnt, wurde mein Vater am 22. Februar 1920 in Varallo Sesia, einer piemontesischen Kleinstadt am Fuße des Monte Rosa, geboren, und zog dann in ein Dorf weiter unten im Tal, wo er bis 2013, dem Jahr seines Todes gelebt hat. Einige Monate später, als ich in seinen liebsten Erinnerungsstücken, die er, um neugierige Blicke zu meiden sorgsam versteckt hatte,  stöberte, entdeckte  ich einige Hefte, Fotos und Dokumente, welche sich als sein Militärtagebuch erwiesen. Es begann mit seiner Einberufung zu den Waffen am 17. März 1940 und endete am 8. August 1945. 

Mein Vater hatte sich, was diese Zeit anging immer sehr diskret, ja fast zurückhaltend verhalten. Tatsächlich wussten wir Kinder nur, dass er nach Albanien geschickt worden war und von dort, nachdem er gefangen genommen worden war, nach Deutschland überführt wurde.

Diese Notizen haben mich so neugierig gemacht, dass ich mich entschloss, sie zu transkribieren und ich nutzte dabei auch den langen Lockdown, der 2020 durch Covid verursacht wurde.

Je weiter die Transkriptionsarbeit voranschritt, desto mehr eröffnete sich mir eine Welt, von der mein Vater nie erzählt hatte. Es war die Entdeckung eines historischen Zeitabschnitts, der von einem 20 – jährigen Protagonisten erlebt und beschrieben wurde, der nach der Fachausbildung in den Pioniernachrichtentruppen zuerst an die französische Front geschickt und  in der Folgezeit in Bari eingeschifft wurde, um nach Elbasan in Albanien verlegt zu werden, als zuständiger Soldat für die Nachrichtenübermittlung: es ist der 9 Dezember 1940.

In diesem Ort in Albanien wird mein Vater einen Großteil der Kriegszeit verbringen, abgesehen von einem kurzen Heimaturlaub wegen eines Krankenhausaufenthalts in Bari. Nach seiner Rückkehr nach Albanien wurde er am 10. September 1943, aufgrund des mit den Alliierten unterzeichneten Waffenstillstands, gefangen genommen und als italienischer Militärinternierter, mit der Angst nicht mehr nach Hause zurückkehren zu können, nach Deutschland geschickt.

Dies ist der Teil des Tagebuchs, der uns näher interessiert, denn es betrifft den Grund für meine Anwesenheit, das heißt, das unmittelbare Zeugnis eines der so vielen jungen Männer von damals zu überbringen, die sagen können: „ICH WAR DABEI“

Im Vergleich zu den in Elbasan geschriebenen Seiten, ist die in Deutschland verbrachte Zeit  ausführlicher beschrieben. Ausgelöst durch das Ausbleiben von Nachrichten der Familie kehrt auf diesen Blättern in der Tat fast täglich die Sehnsucht nach den Lieben in der Ferne, nach seinem Bruder Primo, der Gefangener in Afrika ist, und nach seiner Verlobten Primina, die er nach seiner Rückkehr in die Heimat heiraten wird, zurück.  Ein anderes wiederkehrendes Thema ist die Arbeit, die er verrichten muss, und folglich seine Beziehungen zu den anderen Internierten und zu seinem Abteilungsleiter, Herrn Alfred August; bedeutungsvoll ist die Seite, die den Bombardierungen Hamburgs gewidmet ist, und mehr noch die intensive Kälte, unter der er während der Winterzeit am Arbeitsplatz und im Lager leidet; ein weiteres Thema, das häufig behandelt wird, ist die Ausbreitung des Schwarzmarkts. All diese Beschäftigungen, verbunden mit weiteren Aufgaben, füllen jeden vergehenden Tag mit Müdigkeit und Leid an. Es ist also eine tägliche Beschreibung der wichtigsten Gefühle und Ereignisse, die, die seine Aufmerksamkeit erregten, und die genau und kurz und bündig wiedergegeben werden. Es ist eine lebendige und fesselnde, aber vor allem authentische Erinnerung seiner persönlichen gelebten Erfahrung inmitten eines kollektiven Dramas. Aber, das was in seiner Erzählung nie fehlt, ist die quälende, fieberhafte, besessene und angstvolle Suche nach einem Stück Brot, um den unersättlichen Hunger eines 20-Jährigen zu stillen.

Zur Bestätigung dessen, was ich bisher gesagt habe, möchte ich Ihnen ein paar Abschnitte aus dem Tagebuch meines Vaters vorlesen: 

„Sa. 13. November 1943 

Ich habe einen halben Tag bei schlechterem Wetter als gestern gearbeitet. Heute Morgen begannen wir wieder einmal in den Sand zu gehen (wie wir es zu nennen pflegen), d.h. die Wasserentkeimung für die Stadt. Trotz eisigem Wind, Regen, Schnee und Wolken bestätigen sie uns die Versetzung. Die Anglo-Amerikaner haben nicht gezögert einen Besuch auf deutschem Staatsgebiet zu machen. Der Alarm in Hamburg dauerte eineinhalb Stunden, in der Ferne hörte man Flugzeug- und Explosionsgeräusche. Heute Mittag haben sie uns keine Suppe gegeben, und das wird auch an allen folgenden Samstagen so sein. Um 20 Uhr trat ein Teil der städtischen Flugabwehr für etwa eine Dreiviertelstunde in Aktion. Aber [es gab ] keine Bombardierung. 

Mo. 22. November 1943 

Ich habe beschlossen, etwas Unterwäsche für Brot zu verkaufen. Nach dem Federhalter und dem Silberring werden der Reihe nach folgen: ein Hemd, mit dem ich morgen handeln werde und demnächst das einzige Paar Wollunterhosen, für das mir bereits von Zivilisten drei Stangenbrote angeboten wurde. Dieser ganze Schwarzmarkt existiert wegen zu großem Hunger, ich sollte mich auch vor der Kälte schützen, bevor ich bestimmte Entscheidungen treffe, aber ich neige dazu Letzterer zu widerstehen, wenn ich meinen Körper in Form halte. Wenn wir gerade von der Kälte reden, sie sinkt nunmehr unter null, heute Morgen ist es zum ersten Mal vereist und auf den Bäumen gefriert der Nebel. Wenn wir gerade noch von der Verpflegung reden, die Brotration ist wieder kleiner geworden: zwei Tage zu sechst und zwei Tage zu fünft, bis zur Stabilisierung der vorherigen Rationen. Heute habe ich wenig gegessen, aber dafür bin ich ein paar Schritte gelaufen, nur so kann ich im Rahmen meiner bescheidenen Möglichkeiten beschließen, dass dieser verdammte Krieg endet.

Di. 23. November 1943 

Das Hemd wurde heute auf der Arbeit in der Fabrik mit einem Franzosen getauscht. Der Gewinn war dreieinhalb Brote, von denen ich eines bereits verschlungen habe (ich spezifiziere jedes (Brot) 1.500 kg). Ich habe also nur noch ein Hemd. Das Wetter morgens, Regen und nicht kalt. Am Nachmittag nach vielen Tagen Sonnenstrahlen, und danach Kälte und Wolken. Die Stimmung, wenn man isst, gut. Jedoch viele Gedanken an die Lieben, über die man, weit weg, böse Gerüchte hört, wehe, wenn sie wahr wären. Wenn wir wenigstens in Verbindung stehen könnten, aber wer weiß, wann es die Genehmigung zum Schreiben nach Hause gibt. Möge Gott seinen Blick auf sie richten, auf meine Mutter, auf die ganze Welt, damit er die für diesen schrecklichen Krieg verantwortlichen Führer davon überzeugen kann, zu einem gerechten und dauerhaften Ende zu kommen. „

Die Arbeit, die ich gemacht habe, hat mich nicht nur begeistert und befriedigt, sondern sie hat mir auch erlaubt, meinen Vater, mit seinen Ängsten, seiner Entschlossenheit, seiner Menschlichkeit, seinen Sorgen, aber auch seinen Gewissheiten und Werten besser kennenzulernen, vor allem aber habe ich durch seine Schriften seinen unbeirrbaren Glauben und seine Gewissheit in die tägliche Hilfe des Herrn kennengelernt. 

Ich möchte meine Rede mit einer eindringlichen Bitte abschließen, und wende mich dabei insbesondere an die jungen Menschen:

Unsere Großväter und Väter haben uns, mit ihren Opfern und ihrem Leiden, ein kostbares und unverzichtbares Erbe hinterlassen: den Frieden, der jetzt durch die Ereignisse, die insbesondere die Ukraine seit Monaten erschüttern, ernsthaft in Frage gestellt wird.

Von denjenigen, die den Krieg erlebt haben, sind nur noch sehr wenige unter uns, und mir stellt sich spontan die Frage: „Wer wird die Geschichte erzählen, wenn es keine Zeitzeugen mehr geben wird?“

Dann denke ich nach und überzeuge mich davon, dass auch diese einfachen Erinnerungsberichte, die für mich sowohl einen großen emotionalen als auch einen erzieherischen Wert haben, einen Platz in unseren Herzen als Söhne und Töchter der italienischen Militärinternierten finden müssen, vor allem aber müssen sie in den Köpfen und Werken derjenigen, die nach uns kommen werden, fruchtbaren Boden finden.

Es ist daher unsere Pflicht, diese Werte an die neuen Generationen weiterzugeben, damit man durch das Wissen über die Vergangenheit eine friedliche und menschengerechte Zukunft aufbauen kann.

Ich danke herzlich für die Gastfreundschaft und Ihnen allen danke ich dafür, dass Sie mir erlaubt haben, die Geschichte eines Soldaten, der einer von vielen war, zu erzählen, ohne jemals zu vergessen, dass diese ‚Vielen’… Geschichte gemacht haben…

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