„Mit dem Hunger kann man nicht diskutieren“ – Das Tagebuch von Marino Ruga

Marino Ruga war ein italienischer Militärinternierter (IMI), der als Zwangsarbeiter bei den Hamburger Wasserwerken bis Mai 1945 tätig war. Er hatte über diese Zeit ein Tagebuch geführt, mit Bleistift aufgeschriebene Notizen, die erhalten geblieben sind. Sein Sohn, Gianni Ruga, bringt dieses Tagebuch mit nach Hamburg.

Wer war Marino Ruga?

Marino Ruga wurde am 22. Februar 1920 in Varallo Sesia, in der Region Piemont, geboren. Seine Mutter war Luigia Nicola und Hausfrau. Luigi, sein Vater, arbeitete bei der italienischen Eisenbahn als Schrankenwärter. Sie hatten drei Kinder, Primo, Gabriele und Marino. Im März 1940 wurde er wehrpflichtiger Soldat. Am 10. September 1943 wurde er in Albanien von der deutschen Wehrmacht gefangen genommen und nach Deutschland verschleppt. Zuerst war er im Kriegsgefangenen-Stammlager in Sandbostel bei Bremervörde. Von dort wurde er am 17. Oktober 1943 in ein Arbeitskommando nach Hamburg verlegt und mit anderen IMI zur Zwangsarbeit bei den Hamburger Wasserwerken eingesetzt.

Marino Ruga wurde wie die 100.000 NS-Zwangsarbeiter:innen am 3. Mai 1945 in Hamburg durch die britische Armee befreit.  Die IMI der Wasserwerke wurde ein Lager in Fischbek am zusammengeführt und am 28. Juli 1945 ging es in die Unterkünfte am Dammtor, der Junguiswiese, auf dem heutigen Messegelände. Von Juni bis Juli 1945 wurden die IMI aus Norddeutschland in die Heimat gefahren. Am 29. Juli 1945 wurde er mit anderen IMI zum Hamburger Hauptbahnhof gebracht, von wo aus er mit einem Militärzug in Richtung Italien abfuhr. Seine Ankunft in Italien war der 4. August 1945. Am 14. Oktober 2020 verlieh ihm der italienische Staatspräsident Sergio Mattarella posthum die „Ehrenmedaille für die zwischen 1943 und 1945 in nationalsozialistische Lager deportierte und internierte italienischen Staatsbürger“

Das Tagebuch

Mit Bleistift beschriebene Notizen auf kleinen Seiten über die Zeit bei den Hamburger Wasserwerke vermitteln einen EIndruck, wie es Marino Ruga in dem jeweiligen Tag, wie seine Stimmung war und was an Arbeiten zu erledigen war. Drei Themen bestimmen sein Tagebuch, der Kampf mit dem Hunger, die Gedanken an zu Hause und die Lage in Hamburg, vor allem durch die Bombardements auf die Stadt.

17. Oktober 1943: “Das große Hamburg ist ein echter Friedhof.” 

Am 17. Oktober 1943 angekommen, tritt er das erste Mal vor das “Lager Kaltehofe”, das er als einen geschlossenen Raum ohne Fenster beschreibt. Sein erster Eindruck von Hamburg. “Als ich einmal hinausging, um ein bisschen frische Luft zu schnappen, musste ich wieder einmal feststellen, dass zwischen diesen zerstörten Mauern nichts als Grabesstille herrscht, während man, mit Ausnahme einiger Polizisten, keine Menschen herumlaufen sieht. Das große Hamburg ist ein echter Friedhof.” Marino Ruga vermerkte an diesem Tag auch, dass die “ Öfen funktionieren. Lebhafte Diskussionen, die das Morgen voraussagen, bleiben nicht aus, aber unsere Heimat, unsere Lieben sind in dieser Zeit weit weg und sie wissen nichts über unsere gegenwärtige Situation. Weitere Diskussionen, die sich ergaben, sind die über die Lebensmittel, der Hunger zwingt uns dazu. Heute spärliche Verpflegung und morgen fange ich an zu arbeiten.”

Der erste Arbeitstag ist der 18. Oktober 1943: “Heute erster Arbeitstag in einer Fabrik der städtischen Wasserwerke, von 8 Uhr bis 17.30 Uhr. Was die Arbeit betrifft sind die Schwierigkeiten überwindbar, nicht überwindbar sind jedoch. (leider endet das Blatt so)”. Am Sonnabend war die Arbeitszeit bis 13 Uhr, wie er wiederholt schreibt.  Fast spaßig mutet seine Notiz vom 31. Oktober 1943 an, da er sich als Friseur betätigt muss: “In der letzten Zeit meines Lebens habe ich mich an alle Berufe gewöhnt, aber niemals dachte ich Frisör werden zu müssen. Wenn die Haare lang sind, müssen sie gegenseitig geschnitten werden, und so musste ich heute Morgen einem meiner Freunde die Haare schneiden, aber ich war wie er, ein Laie in der Kunst des Figaro.” 

“Mit dem Hunger kann man nicht diskutieren”

Er vermerkt aber auch, dass er an Hunger leidet. Diese Frage zieht sich wie ein roter Faden durch das Tagebuch: “Es ist besser, nicht darüber zu sprechen, aber dies sind die Themen des Tages, das was jeder von uns Hungernden morgen bei der Rückkehr tun wird, das, was uns sättigen und uns den Hunger stillen wird, der uns hässlich macht, der uns weder Ruhe noch Frieden gibt, und mit diesem Hunger regelmäßig arbeiten, trotz der nördlichen Kälte, die es gibt und weiter geben wird.” 14.11.43

Immer wieder schreibt er, dass er Gegenstände, die er aus der Gefangenschaft in Albanien mitnehmen konnte, auf dem Schwarzmarkt eintauscht. “Der Schwarzmarkt mit den internierten französischen, holländischen usw. Arbeitern ging weiter, aber es gelang mir nicht, meinen Silberring zu verkaufen, mit dem ich seit einigen Tagen versuchte beharrlich zu handeln. (11.11.1943), Wenig später, am 17. November 1943, hatte er ihn  verkauft. Einige Tage später, am 22. November 1943, notiert er: “Ich habe beschlossen, etwas Unterwäsche für Brot zu verkaufen. Nach dem Federhalter und dem Silberring werden der Reihe nach folgen: ein Hemd, mit dem ich morgen handeln werde und demnächst das einzige Paar Wollunterhosen, für das mir bereits von Zivilisten drei Stangenbrote angeboten wurde. Dieser ganze Schwarzmarkt existiert wegen zu großem Hunger, ich sollte mich auch vor der Kälte schützen, bevor ich bestimmte Entscheidungen treffe, aber ich neige dazu Letzterer zu widerstehen, wenn ich meinen Körper in Form halte.”

Um die Ernährungslage zu verbessern, wird nicht nur getauscht, sondern auch nach essbarem überall gesuch. So notiert er am  2. Dezember 1943: “Alle versuchen sich auf dem Gebiet des Essens zu behelfen und versuchen so die Knappheit zu beheben, die sie uns erleiden lassen. Alle frei zugänglichen Keller, der aufgrund der Bombardements auf Hamburg eingestürzten Häuser, werden so einer nach dem anderen von italienischen Soldaten durchsucht, die es nicht stört auf Leichen oder den Gestank von diesen vielen Leichen zu stoßen, und alle sich zum Verputzen geeigneten Dinge entwenden. Und es ist außerdem ein gefährliches Leben wegen der Polizei, aber man zögert gar nicht, man muss essen, das ist die große Realität.”

Am 5. Dezember 1943 macht sich Marino Ruga auch auf die Suche nach Essbarem: “Da ich heute am Sonntag frei habe, nutzte ich ihn zum ersten Mal, wie viele andere es tun, zu einem Erkundungsrundgang in den Ruinen der umliegenden Gebäude. Die Toten, die man während der Operation sehen sollte, wie schon geschehen, beeindrucken nicht mehr. Die durchgeführte Tour war kurz und völlig zufriedenstellend, denn ich fand etwas Käse, ein verbranntes, aber essbares Brot und etwas Fett und Dosen (Dosen) mit gesalzenem Fisch, hervorragend zum Würzen von Gemüse und Suppen. Ich kann auch sagen, dass ich ohne Hunger schlafen gegangen bin, da alle Lebensmittel von gestern Nachmittag verschlungen worden sind.”

 “.. es scheint, dass sie Spaß daran haben, uns leiden zu sehen.”

Zu den Lebensbedingungen der IMI gehörte der Hunger, der Versuch, Sachen im Schwarzmarkt zu tauschen, die Kälte auch die Behandlung durch die deutschen Wehrmachtsoldaten: “Allgemeine Beschwerde aller Männer über die Unmöglichkeit zu arbeiten. Einschüchterung und Drohungen von deutscher Seite, aber sie mussten sich damit abfinden. In der Tat geben sie uns am Nachmittag Handschuhe, um unsere bereits aufgeschürften Hände zu schützen.” Die deutschen Soldaten behandelten sie schlecht, das kann man aus dem Tagebuch lesen. Am 2.11.1943 heißt es z.B. “Wir arbeiteten wie üblich stundenlang und bei der Rückkehr hatte ich einen Vorrat an Kohlköpfen, die ich, um sie vor der Durchsuchung durch die Deutschen zu retten, verstecken musste.” Als ich heute Abend zurückkehrte, bin ich der Erste gewesen, der von den beiden zuständigen Unteroffizieren des Polizeidienstes durchsucht wurde, auf alle Fälle tun sie mir nichts, vielleicht weil es von geringer Bedeutung war (7.12.1943). Die IMI der Hamburger Wasserwerke werden auch von der Wachmannschaft misshandelt: “Erinnerungswürdige Worte sind die folgenden, die ein Feldwebel der deutschen Armee zu einem armen Kerl, der wirklich nicht laufen kann und der infolgedessen in der Unterkunft geblieben war, sagte, nachdem er ihm zwei Ohrfeigen und einen kräftigen Tritt in den Hintern verpasst hatte: „Dass es von uns Italiener in diesem Zustand neun Millionen gibt, und daher, wenn jemand krepiert, dies bezüglich der Anzahl nicht auffällt“ (7.12.1943). 

Weihnachten 1943 werden vier IMI aus den Lagern wegen ihrer Suche nach Essbaren für einige Stunden von der Mannschaft an einen Pfosten gebunden. “Auch heute sollte es ein eher ruhiger Tag sein, aber für vier Menschen war es das ganz und gar nicht. Sie haben sich nicht nur von der Unterkunft entfernt, sondern zwei haben sich von der deutschen Polizei in den Trümmern, auf der Suche nach Gegenständen oder Speisen, die vor allem in den halbverschütteten Kellern zurückgelassen worden waren, erwischen lassen. Die beiden anderen, die auf dem Hof beim Appell fehlten, der gemacht wurde, um den Grund und die Bestrafung der Ersten zu erklären, waren auf der Suche nach Brennholz herumgeschlendert.” Die Behandlung durch die deutschen Wehrmachtsoldaten bedeutete für ihn immer wieder eine Belastung, der sich aber stellte: “.. es scheint, dass sie Spaß daran haben, uns leiden zu sehen und man kann nicht viel sagen, sonst sagen sie zu uns, wir sollen für Mussolini kämpfen gehen. Man muss so viel Kraft und Ergebung haben und versuchen, nie den Mut zu verlieren. (17.12.1943) 

Arbeitstätigkeiten von Marino Ruga

Aus dem Tagebuch ergibt sich, dass Marino Ruga verschiedene Arbeiten ausführen musste. So vermerkte er am  1. November 1943, dass eine neue Arbeit bei den Wasserwerke ausführen muss,” es handelt sich um den Austausch des Sands in den Filterbecken”, vermutlich auf Kaltehofe in den Filtrationsanlagen. Auch wurde  in der Küche der Fabrik eingesetzt, in der er vermutlich vor allem arbeiten musste. Noch ist der Standort dieser Fabrik nicht bekannt:  “ Sie hielten mich in der Fabrik an, an der Stelle, wo die Arbeit im Sand fortgesetzt wurde, und dort wurde ich der Küche zur Verfügung gestellt. (15.11.1943). Wenn es in der Fabrik nichts zu tun gab, wurde sie genötigt, die dortigen Fenster zu putzen. 

 “..endlich ein glückliches und friedliches Leben”

Die Gedanken an die Befreiung, die Familie zu Hause zieht sich auch du seine ganzen Notizen. Insbesondere an katholischen Feiertagen erinnert er sich an sie. Am 1. Januar 1944 beschäftigte er sich mit der Frage, ob dieses Jahr endlich das Ende der elenden Verhältnisse und Gefangenschaft bedeutet. Für seine Liebe in der Heimat schreibt er: “Ich werde durchhalten, und ich bin sicher, Gott gibt mir diese Gnade, und gewährt mir die Freude dich mit meinen Lieben zu umarmen. Ich werde zu dir zurückkehren, so wie du mich empfangen wirst, und ich werde dir endlich alles schenken, endlich ein glückliches und friedliches Leben geben. Glückwünsche, meine Liebe, alles Gute zum Geburtstag und für einen guten Jahresbeginn, voll geistigem und moralischem Wohlbefinden. Mögen Gott und die heilige Jungfrau uns heute und immer beistehen, so sei es. Ich füge etwas, was ich vergessen habe, hinzu; morgen werde ich arbeiten gehen, es betrübt mich, aber ich muss es tun. Das ist, um gerade so über die Runden zu kommen, um einige Rationen Brot, die mich sättigen, zu erhalten.”

“Dies sind folglich die gesunden guten Lebensideale, der Frieden, den wir so herbeisehnen”

Die IMI hatten im September 1943 bei ihrer Gefangennahme und Entwaffnung  “Nein gesagt” zu dem Angebot, weiter an der Seite Nazi-Deutschland in der faschistischen Armee der RSI als Soldaten zu kämpfen. Für diese Weigerung wurden sie als italienische Militärinternierte nach Deutschland verschleppt und als Zwangsarbeiter gezwungen, sich ausbeuten zu lassen. Immer wieder gab  es Versuche, die italienischen Militärinternierten das Los als Zwangsarbeiter zu entkommen. So zu ihrer Ankunft in Sandbostel, aber auch im Zwangsarbeitslager der Hamburger Wasser: Wie jeden Samstag wurde bis 13 Uhr gearbeitet. Bei der Rückkehr hat uns der deutsche Gefreite versammelt und wir mussten den Vereidigungstext für diejenigen lesen, die sich nochmals melden wollten, um zu den Waffen zu greifen, und wie der Text lautet, gegen den gemeinsamen Feind. Von den insgesamt 200 Anwesenden der ganzen Mannschaft ist bisher niemand der Forderung nachgekommen. Völlig andere Gefühle sind weit von deren gemeinsamen Ideen entfernt, das was uns am Herzen liegt, ist zu unseren Lieben zurückzukehren, mit Gefühlen des Friedens und der Harmonie gegenüber allen, und seien es auch viele Feinde, die uns umgeben und uns sehr hassen. Dies sind folglich die gesunden guten Lebensideale, der Frieden, den wir so herbeisehnen. Heute schließlich, nach einigen Tagen Pause, haben die Alarmsirenen eine Stunde lang Gefahr angekündigt. Sehr gute Stimmung, kaltes Wetter mit bedecktem Himmel, ich habe ein schönes Bad genommen und Wäsche gewaschen.” (17.12.1943)

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